Die Spastik

Was ist Spastik?
Nach Ihrer Verletzung ist der Körper in einem Schockzustand, und die Muskeln, die nicht arbeiten, sind schlaff oder kraftlos. Dies nennt man spinalen Schock. Er dauert im Allgemeinen mehrere Wochen bis mehrere Monate nach der Verletzung. Irgendwann nach dem spinalen Schock kann es zu Spastik kommen.

Spastik ist eine unwillkürliche Reflexbewegung, die häufig nach kompletten oder inkompletten Verletzungen des Rückenmarks auftritt, besonders bei Verletzungen oberhalb Th 12. Spastische Bewegungen ähneln den unkontrollierten Reflexen, die auftreten, wenn ein Arzt mit dem Hämmerchen auf das Knie unterhalb der Kniescheibe klopft und sich sofort das Knie streckt.

Spastik kann auftreten, wenn die Beine berührt oder plötzlich bewegt werden, wenn die Körperstellung verändert wird oder wenn Sie husten, niesen oder anderweitig aufgeschreckt werden. Auftreten, Ausmaß und Verlauf der Spastik sind bei jedem einzelnen verschieden.


Welche Vorteile kann Spastik haben?
Wenn Sie Spasmen haben, ist Ihre Hautdurchblutung besser, Ihre Muskeln behalten eine Teil ihrer Größe, und die verursachten Bewegungen können bei der Entlastung helfen. Durch diese drei Effekte kann die Gefahr von Druckstellen verringert werden.

Viele Rückenmarksverletzte können Spasmen willkürlich herbeiführen. Bei einer hohen Verletzung können Sie die Spasmen einsetzen, um jemandem dabei zu helfen, Sie zu drehen oder um die Gelenke zu strecken, um beim Ankleiden zu helfen. Bei tieferen Verletzungen kann Spastik von Vorteil sein, wenn Sie damit z.B. selbst leichter übersetzen und aufstehen können.

Spasmen können Ihnen auch eine Menge über Ihre körperliche Situation im gelähmten Bereich mitteilen, wenn Sie nach einer gewissen Zeit die Bedeutung der unterschiedlichen Spasmenarten zu verstehen beginnen. Weiter unten sind mögliche Faktoren aufgeführt, die die Spastik verstärken.


Welche Nachteile kann Spastik haben?

Viele Patienten empfinden insbesondere zu Beginn die Spasmen als lästig, wenn sie von ihnen beim Übersetzen aus dem Gleichgewicht geworfen werden oder diese ihre Fähigkeit, etwas allein zu tun, begrenzen. Für manche ist Spastik sogar schmerzhaft.

In schweren Fällen von Spastik kann es zur Kontraktion der Muskeln kommen, was tägliche Dehnungsübungen erfordert. Bei starker Spastik im Beckenboden kann der Blasenschließmuskel zu stark werden, so daß eine Schlitzung vorgenommen werden muß.


Wodurch wird Spastik verstärkt?

Körperlicher Streß, psychischer Streß, oder auch Schmerzreize aus dem Körper verstärken die Spastik. Wenn Sie darauf achten, können Sie die Spastik auch als Signal sehen, mit dem Ihnen Ihr Körper (auch Ihre Seele) mitteilt, daß etwas nicht in Ordnung ist.

Beispiele für Faktoren, die Spastik verstärken: überdehnter Enddarm oder Verstopfung, volle Blase oder Harnwegsinfektion, Druckstellen oder zu enge Kleidung, eingewachsener Zehennagel oder zu enge Schuhe, Hautprobleme im Genitalbereich, schlechte Haltung im Rollstuhl, Unterkühltsein, Alkoholmißbrauch am Tag zuvor, gefühlsmäßige Aufregung.


Wie lindere ich meine Spastik?
Erfahrungsgemäß nehmen die meisten Patienten zu Hause keine Medikamente gegen die Spastik, sondern versuchen durch tägliches Durchbewegen, und so viel Bewegung wie möglich, ihre Spastik zu beeinflussen. Sehr förderlich ist auch das Schlafen auf dem Bauch.

Seien Sie körperlich aktiv. Wenn Sie täglich ungefähr eine Stunde in einem Levo-Stuhl oder in einem Stehgerät stehen, wird das Ihre Muskeln strecken und die Spastik vermindern. Hydrotherapie oder Schwimmen hilft häufig, die Spastik zu reduzieren, kann aber manchmal auch den gegenteiligen Effekt haben.


Welche Medikamente gibt es gegen Spastik?
Medikamente zur Abschwächung der Spastik können verabreicht werden, besonders wenn die Spasmen alltägliche Bewegungen beeinträchtigen oder Schmerzen verursachen. Der Nachteil aller dieser Medikamente sind Nebenwirkungen, vor allem Müdigkeit.

Mögliche Medikamente sind: Lioresal, Akatinol, Dantamacrin, Sirdalud, Musaril; manchmal auch Clonidin-Tabletten (als Catapresan im Handel).

Was ist eine Lioresalpumpe?
Zuweilen läßt sich die Spastik mit den üblichen Methoden nicht mehr beeinflussen, und es muß eine Lioresal-Pumpe unter die Bauchhaut eingepflanzt werden. Die Pumpe wird mit dem Rückenmark verbunden und spritzt konstant winzige Mengen Lioresal ins Rückenmark, wo es viel stärker wirkt, als wenn es über den Magen aufgenommen wird. Durch die geringe Menge werden die Nebenwirkungen des Medikaments drastisch reduziert.

Dies sollte jedoch immer als allerletzte Möglichkeit angesehen werden, wenn alle üblichen Behandlungsmethoden versagt haben und die Pflegefähigkeit und Selbständigkeit im Alltag durch die hohe Spastik ernsthaft gefährdet sind.


Welchen Einfluß hat Alkohol auf die Spastik?

Bei Alkoholgenuß erweitern sich die Gefäße, was ein Wärmegefühl in Ihrem Körper verursacht; bei größeren Mengen werden Muskeln gelähmt. Beide Effekte können in Ihnen den Eindruck erwecken, daß Alkohol die Spastik reduziert.

Das ist jedoch nur kurzfristig der Fall. Nach jedem Alkoholgebrauch wird Ihre Spastik verstärkt auftreten, da das Nervensystem danach zu einer Gegenreaktion gezwungen ist ("Rebound-Effekt", ähnlich dem Drogenentzug). Seien Sie sich dessen bewußt. Wenn Sie nicht auf Alkohol verzichten können, richten Sie sich darauf ein, daß Sie am nächsten Tag eine stärkere Spastik haben werden.